Das Büffeln für das Steuerberaterexamen kann man keinem Prüfling ersparen – aber vielleicht etwas erleichtern? Oder die Lernmethoden um moderne Ansätze ergänzen? Mit diesem Anspruch tritt das Unternehmen „Ohrenmenschen“ von Ibrahim Thomas an. Lerninhalte zum Hören und Anleitungen zu einer besseren Gedächtnisleistung sollen nicht nur angehenden Steuerberatern die Angst vor dem Examen nehmen.

Die Voraussetzungen: ein MP3-Player, wie zum Beispiel der iPod oder auch ein iPhone von Apple, und Aufgeschlossenheit für scheinbar unkonventionelle Methoden, die beim Lernen helfen sollen. Der versprochene Gewinn: mehr Effizienz beim Lernen und auch in der Stresssituation des Examens zuverlässig abrufbares Wissen. Lehranbieter für angehende Steuerberater und Juristen nehmen das Angebot von Ohrenmenschen mit Interesse auf. Das Prinzip von Ohrenmenschen beruht auf der sogenannten Lernkartei, mit der sich schon Generationen von Schülern, Studenten und andere Lernende Informationen eingetrichtert haben: Der Lernstoff wird mit Frage und Lösung auf Karteikarten notiert, die in einem Kasten mit fünf Fächern aufbewahrt werden. Die Fächer werden nach dem Lernerfolg befüllt: Im vordersten Fach landet der noch nicht auswendig gelernte Stoff. Dann geht es ans Büffeln, Karte für Karte. Kann der Lernende die Frage auf der Karte richtig beantworten, wandert sie in das nächste Fach. Das vorderste Fach wird täglich durchgearbeitet, die anderen Fächer in längeren Intervallen oder einfach, wenn sie voll sind. Ein effektives System, das auf Wiederholung und einfacher Erfolgskontrolle beruht. Mit den Audio-Karteikarten, auch Audiocards genannt, funktioniert es ganz ähnlich, auch wenn es keine Karteikarten zum Anfassen gibt, sondern MP3-Dateien zum Anhören. Diese sind immer nach demselben Schema aufgebaut: Frage, ein Signalton und eine kurze Pause, dann die Musterlösung. Der Lernende hört sich die Frage an, drückt „Pause” auf dem MP3-Player und formuliert für sich die Antwort. Dann setzt er die Wiedergabe fort und vergleicht die eigene Antwort mit der Musterlösung. Die Fächer der Lernkartei werden mit einem Bewertungssystem nachgeahmt. Und hier kommen die MP3-Player von Apple ins Spiel, die iPods: War die Antwort richtig, kann der Lernende direkt am iPod die Datei mit einem bis fünf Sternchen versehen; andere MP3-Player bieten diese Funktion nicht immer. Zuhause am Computer – egal ob ein PC oder ein Mac von Apple – lassen sich die Dateien mit dem von Appel kostenlos bereitgestellten Abspielprogramm iTunes sortieren „Intelligente Wiedergabelisten” heißt die Funktion, die die Aufgabe der fünf Fächer übernimmt. iTunes kann Wiedergabelisten erstellen, die die vergebenen Sterne als Sortierkriterium verwenden: Jeweils eine Wiedergabeliste für die Audio-Karteikarten mit einem Stern, eine für die mit zwei Sternen und so weiter. Die Wiedergabelisten werden auf den iPod überspielt, und so kann man sich den Stoff strukturiert vornehmen.

Die Karteikarten zum Hören lassen sich aber auch ohne iPod oder einen anderen MP3-Player nutzen. Die CDs sind im sogenannten mixed-Mode erstellt, das heißt: Die Audiokarteikarten liegen doppelt auf der CD, einmal als mp3-Datei für Computer und iPod und als Audio-Dateien zur Wiedergabe auf Hifi-Anlagen, im Autoradio oder anderen CD-Playern. Wem das Bewertungssystem zu kompliziert ist, kann also auch einfach die CD in den CD-Player stecken und sich die Audiocards anhören und dabei zum Beispiel das Bügeln oder die Zeit einer Zugfahrt zum Lernen nutzen. Außerdem werden PDF-Dateien mit den Texten mitgeliefert, um das Gehörte nachlesen zu können. Allein angehende Steuerberater können heute im Angebot von Ohrenmenschen auf auditives Lernmaterial im Umfang von rund 60 CDs mit circa 36 Stunden Audiomaterial zugreifen.

Angefangen hat alles aber viel kleiner und mit einer Panne: Ibrahim Thomas bereitete sich auf die Steuerberaterprüfung 2008 vor. Die Zeit saß ihm im Nacken und er suchte Audio-CDs mit steuerlichen Lerninhalten – erfolglos. Für die schriftliche Klausur erhielt er eine 4,6 und schrammte damit haarscharfen der Zulassung zur mündlichen Prüfung vorbei. Bei der Einsicht der Klausur stellte er fest: „Ich habe die Fußgängerpunkte liegen lassen.” Die Punkte also, die es für relativ simple Aufgabenstellungen gibt. Wer aber zu lange an den umfangreicheren Aufgaben knobelt, dem bleibt keine Zeit mehr für die Fußgängerpunkte. Zeitsparen kann also Punkte bringen.

Wenn allein das Nachschlagen von Paragraphen wegfällt oder deutlich reduziert wird, bleiben kostbare Minuten zum Punkten. Aber wie kann man die oft abstrakten Stichworte, Paragraphen oder TatbestandsmerkmaIe besser verinnerlichen?

LERNKÄRTCHEN-SYSTEM FÜRS OHR

Ohne Berufstitel, aber mit Geschäftsidee, machte sich Thomas ans Werk: Er verfasste die ersten Lernkärtchen und bot sie auf einer Internetseite an. Die Nachfrage spornte ihn an, das Angebot weiter zu professionalisieren. Er wandte sich an seine Dozenten, um sie für die fachliche Mitarbeit zu gewinnen. Außerdem suchte er Mitstreiter, die das Angebot abrunden sollten.

Und erfand gleich drei auf einen Streich: StB Sven Braun, Christiane Stenger und Jonas Ritter.

„Keine Panik vor der Steuerberaterprüfung” heißt das Buch von Sven Braun. Als der Steuerberater 2006 bestellt wurde, war er der jüngste Absolvent, der jemals im Saarland diese Prüfung bestanden hatte – und es war bereits sein zweiter Anlauf. Die Grundlage für seinen Prüfungserfolg beschreibt er in seinem Buch.

Nach dem ersten Examensanlauf war Braun zu einer ganz ähnlichen Erkenntnis wie Thomas gekommen: Je mehr Wissen im Kopfgespeichert ist, desto mehr Zeit bleibt in der Klausur, es

auch anzuwenden. Abrufen statt nachschlagen. Ein Traum jedes Prüflings. Braun begann zu forschen: Gibt es gute, methodische Ansätze für das Gedächtnistraining? Und wie lassen sie sich in der Prüfungsvorbereitung anwenden? Aus seiner Recherche erarbeitete sich Braun ein eigenes Lernsystem und schaffte den zweiten Anlauferfolgreich. Was ihm geholfen hat, kann auch anderen nutzen. „Ich dachte mir, diese Techniken sollten mehr Leute kennen”, sagt Braun.

Wie die anderen Millionen Zuschauer ist Braun von dem Auftritt von Christiane Stenger in der „Grips-Show” von Günther Jauch beeindruckt. Die Junioren-Gedächtnis-Weltmeisterin verblüfft mit ihrer Fähigkeit, sich anscheinend mühelos Sachen merken zu können: eine ganze Litanei spontan zugerufener Begriffe oder auch den Lernstoff für das Abitur, das sie im Alter von 16 Jahren und mit der Note 1,9 ablegte.

Braun kann Stenger für eine Kooperation gewinnen. Gemeinsam machen sie sich daran, ihre Erkenntnisse speziell für Prüflinge in der Prüfungsvorbereitung nutzbar zu machen. Für die Arbeit an dem Buch nehmen sie Jonas Ritter als dritten Autor hinzu. Sein Thema: Texte schneller lesen und das Gelesene zuverlässig behalten. Mittlerweile liegt „Keine Panik vor der Steuerberaterprüfung” in vierter Auflage vor. Das Buch befasst sich weniger mit dem Inhalt der Steuerberaterprüfung als mit den Lernmethoden, um sich den Stoff dafür einzuprägen. Das Buch folgt dem Ablauf des Examens und will den Leser für die generelle Vorbereitung, für die schriftliche und die mündliche Prüfung” rüsten.

Paragraphen, Tatbestandmerkmale, Folgen und Fristen, und das hundertfach: Steuerberatern wird ein umfangreiches Wissen – ein besonders von Lernenden als trocken empfundenes Wissen – abverlangt. Und bevor die Autoren ihre Methoden zur Beherrschung dieser Materie ausbreiten, schicken sie vorweg:

Oft werden diese Techniken am Anfang eher als Umweg denn als Hilfe empfunden.” Dann wird unter anderem erklärt, wie sich kryptische Abkürzungen mit einem Tieralphabet oder Zahlenkolonnen mit dem sogenannten „Mastersystem” verinnerlichen lassen oder sich Gliederungen nicht nur für mündliche Referate mit der Körperroute besser einprägen.

Was zunächst umständlich klingt, ergibt Sinn, wenn man sich die drei Kernkonzepte hinter den Lernmethoden ansieht:

Visualisieren, Verknüpfen und Wiederholen. Einprägsam ist, was heraussticht, sich in bekannte Zusammenhänge eingliedert und durch Lernen wiederholt wird. Es ist laut den Autoren hilfreich, das Visualisieren und Verknüpfen keinen gedanklichen Einschränkungen zu unterwerfen, sondern vielmehr die eigene Fantasie einzubinden – Hauptsache, es hilft. Zum Beispiel: Zahlen in Buchstaben verwandeln, mit diesen Buchstaben Wörter bilden, diese Wörter visualisieren, sie sich also möglichst lebhaft und detailliert vorstellen.

Genauer werden diese Techniken in dem Buch vorgestellt und auch bei dem Angebot von Ohrenmenschen werden sie erklärt. Thomas will mit seinem Angebot nicht nur das thematische, sondern auch das methodische Rüstzeug bieten. Aber er stellt klar: „Die Audiocards sollen das herkömmliche Lernen nicht ersetzen, sondern es unterstützen.” Er will ein System anbieten, das vor allem beim Auswendiglernen helfen soll.

Ohrenmenschen beschäftigt sechs Mitarbeiter in Verwaltung und Marketing. Drei weitere Kräfte betreiben das Tonstudio, an dem die Firma beteiligt ist. Fünffreiberufliche Sprecher vertonen die Lerninhalte. Derzeit acht Dozenten kümmern sich um die fachliche Akkuratesse der Lerninhalte. Und etwa 80 Studenten agieren als „Testpiloten”. Ihr Feedback fließt in die Produktion der Audiocards ein.

LAUFENDE AKTUALISIERUNG DES STOFFS

Was uns unteranderem groß macht, sind nicht nur die fachlich und pädagogisch von unseren Dozenten und uns aufbereiteten Audiocards, sondern auch das ausgeklügelte System hinter der Internetseite“, sagt Thomas. Damit spielt er unter anderem auf das Download-Portal an, auf dem die Kunden stets auf das aktuelle Material zugreifen können. Die Kunden haben die Wahl zwischen Dateien zum Herunterladen und dem teureren Versand von CDs, der den Zugriff auf die Downloads einschließt.

Der Lernstoff wird jahrgangsweise angeboten. Ab Juni steht das Material für die Prüfung 2011 bereit. „Und da sich darin viel auf das aktuelle und noch nicht abgeschlossene Jahr bezieht, wird es nach und nach in regelmäßigen Abständen bis zum Prüfungstermin im Oktober 2011 aktualisiert“, sagt Thomas. Der Update-Service von Ohrenmenschen schließt die drei kostenfreien Aktualisierungen bis zum Prüfungstermin ein, um die Prüflinge mit aktuellem Material zu versorgen. Grundsätzlich wird nach Thomas’ Angaben rund die Hälfte des Lernmaterials von Jahr zu Jahr so überarbeitet.

Inzwischen mehren sich die Anfragen der Steuerfachschulen. „Sie haben erkannt, dass wir keine Konkurrenz sind, sondern eine sinnvolle Ergänzung der Präsenzveranstaltungen“, sagt Thomas. Die Steuerfachschule Dr. Endriss gibt ihren Schülern das Ohrenmenschen-Paket an die Hand. „Vorn Feedback des laufenden Jahrgangs hängt es ab, ob aus diesem Testlauf eine Dauereinrichtung wird“, teilt Fachbereichsleiter Gerhard Brück mit.

DAS ZIEL: ZEITGEWINN

Auch in anderen lernintensiven Fachgebieten kann Ohrenmenschen Fuß fassen: Hemmer, ein Anbieter von Repetitorien und Lernmaterial für angehende Juristen, kooperiert mit dem Audiocards-Anbieter. Die Universität Gießen wird nach Angaben von Thomas ihr Lernangebot im Fach Betriebswirtschaftslehre künftig mit Audiocards unterstützen. Außerdem ist Ohrenmenschen in Verhandlungen mit einem Fachverlag. Die internationalen Rechnungslegungsvorschriften IFRS (International Financial Reporting Standards) sind für Thomas darüber hinaus eine Chance, Ohrenmenschen durch englischsprachige Audiocards für den europäischen Markt interessant zu machen.

Den wesentlichen Vorteil der Audio-Kärtchen formuliert Ibrahim Thomas so: „Wir schenken den Leuten Zeit. Sie können damit an Orten und in Situationen lernen, die ohne Audiocards nicht zum Lernen geeignet wären.” Ohrenmenschen wächst. Thomas widmet sich inzwischen vollberuflich seiner Firma. „Wenn ich mal nichts zu tun habe”, scherzt er, „dann mache ich den Steuerberater.“ StB Sven Braun wartet derzeit auf das Ergebnis seiner Prüfung zum Wirtschaftsprüfer. Und wenn er nicht zu einer Wiederholung antreten muss, wird es wohl auch bald Audiocards für angehende Wirtschaftsprüfer geben.

MEHR INFOS ZU DEN GEDÄCHTNISSTÜTZEN:

  • www.ohrenmenschen.de
    Audio-Lernmaterial für angehende Steuerberater und Juristen, inklusive Hörproben und Preisangaben.
  • www.pruefung-bestehen.de
    Keine Panik vor der Steuerberaterprüfung: Wie Sie das Steuerberaterexamen zielsicher bestehen.
    StB Sven Braun, Christiane Stenger, Jonas Ritter;
    Gabler Steuern, ISBN 978-3-8349-2152-9, 29,80 Euro
  • www.christianestenger.de
    Christiane Stenger, Gedächtnisweltmeisterin, Sachbuchautorin, Referentin.
  • www.ritterspeedreading.de
    Jonas Ritter, Ritter Speed Reading – Vorsprung durch Schnell-Lesen.

Erschienen im NWB Steuerberater Magazin 05/2010

Den eingescannten Artikel als pdf anschauen: Let’s rock Steuerberatermagazin (NWB-Verlag)

10.05.2010|